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Geschichtsunterricht einmal anders

Am 30.01.2018 durften wir Herrn Heidrich, einen Mitarbeiter des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in unserer Schule begrüßen. In den ersten Unterrichtsstunden gestaltete dieser zusammen mit den Schülern der Klasse 10 ein Unterrichtsprojekt rund um das Thema „Alltag von Jugendlichen in der DDR“. Anhand von Fallbeispielen und mit Hilfe von Stasi-Dokumenten, Hintergrundinformationen, Fotos und Originalgegenständen lernten die Schüler dabei einen Ausschnitt aus dem Lebensalltag in der DDR der 1980er Jahre kennen.

Anschließend durften die Schüler der Leistungskurse Geschichte 11 & 12 der Frage nachgehen, inwiefern Sachsen als Keimzelle der Friedlichen Revolution gelten kann. Dabei hatten sie die Möglichkeit, nach einem Impulsvortrag von Herrn Heinrich, Dr. Martin Böttger in einem Zeitzeugengespräch, Fragen zum Thema zu stellen. Über dieses Zeitzeugeninterview berichtet die Schülerin Sarah Pampel folgendes:

„Martin Böttger wurde am 14.07.1947 in Frankenheim als Sohn eines Pfarrers geboren. Er ist in der DDR aufgewachsen und seine Kindheit und Jugend waren vom SED-Regime geprägt (Jungpionier, FDJ-Mitglied). Er studierte an der TU Dresden Physik, war 1972 Teil der kirchlichen Friedensbewegung und promovierte 1982. In den 1980er Jahren war er Mitbegründer der Initiative für Frieden und Menschenrechte und 1989 war er Mitinitiator des Neuen Forums.

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Obwohl er christlich erzogen wurde, hat er sich dazu entschlossen, den Jungpionieren und der FDJ im Kinder-und Jugendalter beizutreten. Laut Böttger ließ das SED-Regime die Kirche in Ruhe, wenn diese sich nicht in politische bzw. staatliche Angelegenheiten einmischt. Erst während des Studiums ist er aus der FDJ ausgetreten, außerdem verwehrte er nach seinem Studium den Waffendienst und wurde Bausoldat. Dass er Abitur machen konnte und studieren durfte, obwohl er konfirmiert war, war seines Erachtens einfach Glück. Da er auf dem Land aufgewachsen ist und eine Quote vorhanden war, welche vorgab wie viele Schüler vom Land Abitur machen sollten und es nicht so viele waren, konnte er Abitur machen und anschließend studieren. Seinen Studienplatz bekam er durch eine Aufstockung der Studienplätze in den naturwissenschaftlichen Fächern. Laut Böttger ist bei ihm erst im Erwachsenenalter das Bewusstsein für die Menschenrechtsverletzungen in der DDR erwacht. Er wollte allerdings erst sein Studium beenden bevor er sich für Opposition und Widerstand engagierte, da ihm seine Bildung sehr wichtig war. Auf die Frage nach seiner Motivation, nannte er seinen christlichen Glauben und das Umfeld in dem er aufgewachsen ist. Dass er Christ ist, hat auch dafür gesorgt, dass er weniger Angst vor eventuellen Konsequenzen gehabt hat. Er ist sich bewusst gewesen, welches Risiko er eingegangen ist und auch, dass er im Visier des Staatssicherheitsdienstes war. Das ganze Ausmaß ist ihm allerdings erst später beim Einsehen seiner eigenen Stasi-Akten bewusstgeworden. Er ist allerdings der Meinung, dass der Staat ihn oft hätte festnehmen und bestrafen können, es allerdings nie getan hat. Laut Böttger gab es in der DDR großes Misstrauen gegenüber anderen, da jeder ein IM (Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi) hätte sein können. Viele haben aufgrund dessen aufgehört sich zu engagieren, Martin Böttger hat allerdings trotzdem weitergemacht. Er bezeichnet sich selber nicht als Held und ist der Ansicht, denn andere haben seiner Meinung nach viel mehr riskiert. Trotzdem wurde Böttger mehrfach für kurze Zeit verhaftet und sogar die Ausreise wurde ihm einmal angeboten. Dies lehnte er jedoch ab, da er wusste, dass er innerhalb der DDR mehr verändern kann, als von außerhalb. Und schließlich waren auch seine Familie und Freunde Grund genug für ihn, zu bleiben. Sein Ziel (sowohl mit der ‚Initiative für Frieden und Menschrechte‘ als auch dem ‚Neuen Forum‘) war die Erfüllung der Menschrechte und die Demokratisierung der DDR.

Böttger ist viele Risiken eingegangen, hat aber auch eigenen Prioritäten gesetzt. So wäre er unter einer Bedingung doch aus der DDR geflohen, nämlich dann, wenn seine Kinder in irgendeiner Weise einen Nachteil erfahren hätten. Genau diese Ehrlichkeit macht ihn sehr menschlich und sympathisch, diesen ‚Friedenskämpfer und Streiter für die Menschenrechte‘ in der DDR, der auch heute noch auf die Straße gehen würde, wenn es darum geht die Menschenrechte zu wahren.“

Thomas Georgi

 


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